Bioenhancer

Bioenhancer – bioavailability enhancer” – sind chemische Verbindungen aus Pflanzen gewonnen, die die Bioverfügbarkeit “wertvoller / interessanter” Substanzen verbessern.

Bioenhancer= “a substance at a lower dosage level, which in combination with a drug or nutrient provides more availibility of the drug by reducing consumption of the drug or nutrient resulting in enhanced efficacy of the drugs.”

Bei den Substanzen von Interesse oder “Schlüsselsubstanzen” handelt es sich um Stoffe, die von besonderem pharmazeutischem oder nutritivem Charakter sind. Das sind im Kontext einer gastrosophischen Abhandlung betrachtet vornehmlich die Mineralstoffe, die Vitamine und biologisch aktive Naturstoffe. Zur Vereinfachung soll im Weiteren hier von “Wirkstoffen” oder “biologisch aktiven Stoffen” gesprochen werden. In unserem Fall sind hier zunächst die Mikronährstoffe (Vitamine und Mineralstoffe) zu nennen. Denn ohne Mineralstoffe würde unser Körper keinen Stoffwechsel durchführen können. Game Over. Ohne Magnesium (Absorptionsrate [AR]: 35-55%) könnte keine Stärke enzymatisch zu Zucker verdaut werden. Und nicht zu vergessen die Vitamine. Ein völliger Vitaminentzug würde uns sprichwörtlich auseinander fallen lassen. Kein Vitamin A (AR: 70-90%) und wir erblinden. Ohne Vitamin C (AR: 100%) und die Zähne fallen aus. Kein Niacin (AR: 30% bei pflanzl. LM) und die Haut verabschiedet sich. Erschöpfte Thiamin-Speicher führen zu der fatalen Erkrankung Beriberi. Diese Aufzählung ist beliebig fortzuführen.

Mechanismen von Bioenhancer:

  1. Verbesserung der Resorption aus dem Gastrointestinaltrakt
  2. Unterdrückung oder Verminderung des Abbaus in der Leber oder im Darm
  3. Modifizierung des Immunsystems, so dass der Wirkstoffbedarf sinkt
  4. Erhöhung der Penetration in Zielpathogene (Antibiotikatherapie)
  5. Unterbindung der Abwehrmechanismen von Zielpathogene (Antibiotikatherapie)
  6. Verstärkung der Bindung zwischen Wirkstoff und Zieltarget (Rezeptor, Protein, DNA, RNA)

 

Doch warum sollten Bioenhancer eine Rolle in unserer vollwertigen, westlichen Ernährung spielen? Ist die Versorgung durch essentielle Nährstoffe in unserer heutigen Zeit und in unserer gesättigten Gesellschaft nicht mit ganz bestimmter Sicherheit gedeckt? Zudem liegen uns doch heute präzise diagnostische Mittel zur Hand um eine Unterversorgung sicher und schnell zu erfassen und bewerten zu können. Betroffene Personengruppen (Schwangere, Frauen während der Menstruation, Kranke, Ältere) sind methodisch identifiziert und werden mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet. Ein schwerer Mangel kann sicher mit klinischen Maßnahmen behandelt werden. Außerdem ist der Versorgungsstatus von Vitaminen und Mineralstoffen in der Bevölkerung durch umfangreiche Verzehrstudien sicher eruiert. Im Grunde essen wir so vielfältig, dass wir die Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr erreichen. Wieso sollte demnach an dieser Stelle eine Überlegung angestellt werden, wie die Bioverfügbarkeit bestimmter Lebensmittelinhaltsstoffe optimiert werden kann?

Das Prinzip der Bioenhancer ist in der traditionellen, indischen Heilkunst Ayurveda schon sehr lange (seit dem 7. Jh. v. Chr.) – unter der Bezeichnung Yogavahi oder Yoga-vahi – bekannt. Später, 1920 entdeckte der Wissenschaftler Dr. Kartik Chandra Bose, ein bekannter Autor des Pharmacographia Indica, dass die antiasthmatische Wirkung von “Vasaka” (Adhatoda vasica) verbessert werden kann, wenn gleichzeitig Langpfeffer verabreicht wird. Indische Wissenschaftler des regionalen Forschungsinstituts Jammu konnten 1979 die dafür verantwortliche Substanz isolieren und charakterisieren. Mit Piperin wurde der erste Bioenhancer wissenschaftlich beschrieben. Der sehr flüchtige Scharfstoff des Pfeffers, das eben genannte Piperin, ist in zahlreichen Pfeffergewächsen zu finden (schwarzer Pfeffer, weißer Pfeffer, Kubebenpfeffer u.a.) und ist seitdem Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. So konnte für das Piperin bereits beobachtet werden, dass es die Bioverfügbarkeit zahlreicher elementarer Ernährungsbestandteile zu verbessern vermag. Darunter befinden sich praktisch sämtliche in Wasser löslichen Vitamine, wie auch die fettlöslichen Vitamine und die Mineralstoffe Iod, Eisen, Zink oder auch Selen.

Lebensmittel werden per se oral aufgenommen, so dass geringe Aufnahmeraten und abbauende Metabolisierungsschritte eine verminderte Verfügbarkeit der Wirkstoffe und biologisch aktiven Stoffe bedingt. Vitamine und die essentiellen Mikronährstoffe (speziell Eisen) werden nur in geringem Maße aus der Nahrung resorbiert (Aus pflanzlicher Quelle gelangen nur 5-15% des zugeführten Eisens in den Intermediärstoffwechsel). Biologisch aktiven Stoffe, wie das Curcumin aus dem Kurkuma, werden durch Matabolisierungsschritte im Intermediärstoffwechsel rasch abgebaut und haben nur ein geringes Zeit-Wirkung-Integral (AUC). Unsere Ernährung – in speziellem die pflanzliche Ernährung – bietet einen enormen Fundus an biologisch wertvollen Wirkstoffen. Und damit tragen unsere Lebensmittel ein Versprechen in sich, dass wir durch eine überlegte Ernährung einen positiv Einfluss auf unseren Gesundheitszustand erwirken können. Eine hohe Dichte an biologisch aktiven Naturstoffen findet sich in beispielsweise Kräutern und Gewürzen, die wir in der Küche verwenden und vor allem noch mehr verwenden könnten. Und auch Wildkräuter stellen eine gute Quelle für wichtige Naturstoffe dar, siehe dazu eine Übersicht über die biologischen Wirkungen von Naturstoffe anhand des Beispieles Huflattich. Ziel dieses Artikels soll es also sein, dem geneigten Gastrosophen die Funktion der Bioenhancer so nahe zu bringen, dass er/sie diese konzeptionell in seine/ihre küchentechnischen Überlegungen einfließen lassen kann. So zusagen ein Tutorial für eine andere Form der Ernährungsoptimierung.

Eine der wichtigsten Bioenhancer-Kombination im Ayurveda ist eine Mischung aus Piper longum (Langpfeffer), Piper nigrum (schwarzer Pfeffer) und Zingiber officinale (Ingwer), welche in der traditionellen indischen Heilkunst unter dem Namen „Trikatu“ bekannt ist. In dieser Mischung wirken Piperin und die Gingerole des Ingwers bioverfügbarkeitssteigernd. Bis heute sind zahlreiche weitere Pflanzen beschrieben worden, die die Bioverfügbarkeit wichtiger Lebensmittelbestandteile fördern. So erhöht zum Beispiel Aloe vera die Aufnahme von Vitamin C und auch von Vitamin E. Das in den letzten Jahren an Bekanntheit gewonnene Moringa enthält in seinen Blätter und der Rinde den Stoff Niaziridin, welcher in der Lage ist, die Bioverfügbarkeit von antibiotischen Verbindungen zu verbessern. Das in der Süßholzwurzel befindliche Glycyrrhizin soll nach aktuellem Wissensstand die Wirkung des Taxols bei der Chemotherapie erhöhen. So konnte gezeigt werden, dass in Anwesenheit von Glycyrrhizin das Wachstum von Krebszellen durch Taxol mit einer geringeren Dosierung (0.01 μg/mL) stärker gehemmt wird, als wenn nur Taxol alleine verwendet und auch in einer höheren Dosierung gewählt wird  (0.05 μg/mL).

Eine Übersicht über Lebensmittel die aufgrund ihrer Funktionalität als Bioenhancer klassifiziert werden können gibt folgende Tabelle:

Bezeichnung Bez. im Ayurveda Mechanismus “Wirkstoffe” Quellen
Langer und Schwarzer Pfeffer (Piperin), Ingwer (Gingerole) Trikatu Div. Mechanismen (Resorption, Unterdrückung d. Abbau, Verstärkung d. Bindung an Target) Div. Stoffe; Eisen, Selen, Vitamin C, Vitamin A, Vitamin B6, Curcumin, ß-Carotin, EGCG, Resveratrol etc. [A1] [A2] [P1] [P2] [P3] [P4]
Ingwer (Gingerole) Shunthi Resorption Antibiotika [A1] [A2]
Moringa (Niaziridin)  Shigru Resorption, Verstärkung d. Bindung an Target Antibiotika, Antimykotika, Vitamin B12   [A1] [M1]
Süssholzwurzel(Glycyrrhizin)  Yashtimandu Resorption, bessere Verfügbarkeit am Target Taxol; Antibiotika, Viatmin B1 und Vitamin B12 [A1] [S1]
Aloe vera  – Resorption, Vitamin C und Vitamin E [A1][A2]
Echter Kümmel (äth. Öl)  – Resorption, Verb. Wirkung v. Antibiotika Therapeutika zur Behandlung von Tuberkulose; diverse Arzneimittel, Antibiotika [A1] [A2] [K1] [K2]
Knoblauch  (Allicin)  – Verbessert Wirkung  Antimykotika [A1]
Stevia (Rebaudioside)  – Diverse Mechanismen Diverse Wirkstoffe [SA1]
Kreuzkümmel  – Vor allem in Kombination mit Piperin Diverse Wirkstoffe [A1] [KK1]
Prunkwinde (Lysergol)  – Verbessert Wirkung Antibiotika [A1]
Destillierter Kuhurin Rasayana tattwa Verbessert die Resorption Antibiotika, Zink [A2] [KU1]

Weitere: Sojabohne [A2], Grapefruit [A2], Quercetin [A2]

Für die Behandlung von Eisenmangel ist in der ayurvedischen Medizin eine spezielle Formulierung bekannt, die Gegenstand zahlreicher Studien geworden ist. Die als Trikatrayadi Lauha bezeichnete pflanzliche-mineralische Formulierung wurde erstmals im Bhaishajya Ratnavali zur Behandlung von Pandu Roga (=Anämie) erwähnt. In unserer Ernährung spielen die Kräuter und Gewürze eine wichtige Rolle bei der Erzielung einer Verbesserung der Bioverfügbarkeit von als gesundheitsfördernd oder als essentiell charakterisierten Lebensmittelinhaltsstoffen. So ist die gezielte Verwendung von Lebensmitteln zur Stärkung des Gesundheit fördernden Potentials unserer Ernährung in mehrerlei Hinsicht Pflicht des anständigen Gastrosophen. Damit einher geht eine bessere Nutzung der Ressourcen. Die Festlegung von Nährstoff-Referenzwerten bedingt auch immer die landwirtschaftliche Erzeugung entsprechender Lebensmittel. Bei steigender Erdbevölkerungszahl (+80 Mio. p.a.) und sinkender Agrarfläche (-12 Mio. Ha p.a.) wird sich in Zukunft auch die Frage nach einer besseren Ressourcennutzung stellen. Während die Rüstungsausgaben weltweit steigen, müssen die sozialen Bereiche oder auch das Gesundheitssystem Jahr für Jahr mit weniger finanziellen Mitteln auskommen. Egal welche Entwicklung die aktuellen politischen Prozesse nehmen, werden sich – wenn vielleicht auch nur Phasenweise – Szenarien vergegenwärtigen, die an unserem Verständnis von staatlicher Fürsorge, Gesellschaftsvertrag rütteln werden. Das Wissen um Bioenhancer, um Ernährung, Heilpflanzen wird sich unter Umständen noch als wichtiges Werkzeug zur Bewahrung der Gesundheit und zur Linderung bzw. Heilung von Krankheiten heraus stellen. Gerne möchte ich die Übersichtstabelle stetig erweitern, so dass wir alle auf dem aktuellsten Stand bleiben können. Neben den oben erwähnten Kräutern und Gewürzen werden zu zahlreichen weiteren Pflanzen Forschung im Bereich der Bioverfügbarkeit angestellt. Dabei wird vornehmlich Aloe vera hoch interessant bleiben. Die arzneiliche Wirkung beschreibt eine sehr effektive Wundbehandlung durch den Pflanzensaft/-schleim. Daneben wirkt Aloe vera wie bereits erwähnt Bioverfügbarkeit steigernd auf Vitamin C und Vitamin E. Es scheint vielversprechend zu sein, dass Aloe vera noch ein weitaus breiteres Wirkspektrum besitzt. Seien wir gespannt was uns die Forschung noch zu entdecken vermag.


Autor: narunge

Aufgewachsen im trostlosen, grauen Berlin-Wedding. Sehnsucht nach Schönheit und Reinheit der Natur. Was unsere Nahrung im Innersten zusammenhält. Vielfalt der pflanzlichen Heilmittel. Welcher Geist durchströmt die Pflanzenwelt. O König der Kephallenier!

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