Fleisch (S)teuer

„Und es ist nicht leicht, den Angelhaken vom Fleischessen, der sich tief in die Genusssucht eingehakt und eingebettet hat, wieder loszuwerden. Es wäre gut, wenn wir es machen könnten wie die Ägypter: Es heißt, sie entnehmen den Leichnamen die Eingeweide, zerschneiden sie im Licht der Sonne und werfen sie von sich, als seien sie die Ursache aller Vergehen des Menschen. So wäre es gut für uns, wenn wir uns unsere Gefräßigkeit und Genusssucht und die Lust am Töten einfach herausschneiden könnten und uns rein halten für künftiges Leben. Es ist ja gar nicht der Bauch, der uns zum Blutdurst treibt, er wird vielmehr selbst davon besudelt durch unsere Unmäßigkeit. Doch wenn es nun einmal, Gott sei’s geklagt, durch die stete Gewöhnung unmöglich geworden ist, von diesem Laster frei zu werden, dann, es auf ein sozusagen vernünftiges Maß beschränken. Das heißt, Fleisch essen nur aus Hunger, nicht als Schlemmerei. Wir sollten Tiere töten, aber mit Mitleid und Bedauern, nicht unter Misshandlung und Martern, wie es jetzt vielfach geschieht.“

– aus „Darf man Tiere Essen“ von Plutarch

Bedarf es in der Bundesrepublik Deutschland einer Regulierung des Fleischkonsums durch einen erhöhten Steuersatz auf tierische Produkte? Diesem Vorschlag geht eine längere Diskussion voraus. Und an diesem Streitgespräch sollte sich unbedingt auch der Verbraucher stärker beteiligen. Eine wichtige Funktion in diesem Diskurs nimmt der von der CSU gestellte Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, ein. Weiterhin erheben verschiedene Wissenschaftliche Beiräte ihre Stimme und drängen zu einem Wandel der Politik im Bereich Ernährung und Landwirtschaft. Wichtig an dieser Stelle wird sein, mit welcher Vehemenz und Kontinuität gerade die wissenschaftlichen Kreise für einen Wandel werben werden.

So wird bereits seinen einigen Jahren von fachkundiger Seite aus gefordert, dass die Bundesregierung den verminderten Mehrwertsteuersatz von bisher 7% für tierische Lebensmittel auf den regulären Satz von 19% anhebt. Ein aktueller Vorschlag des Umweltbundesamtes geht darüber hinaus und fordert zusätzlich den Mehrwertsteuersatz für pflanzliche Lebensmittel noch weiter zu reduzieren. Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, setzt sich dabei politisch aktiv dafür ein, dass die bestehenden „Umweltschädlichen Subventionen in Deutschland“ beendet werden.

Das im November 2016 vorgelegte Klimagutachten der Wissenschaftlichen Beiräte kommt zu dem Schluss, dass bei einer Reduzierung des durchschnittlichen Fleischkonsums auf die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Menge (300 bis 600 Gramm pro Woche, aktuell sind es mehr als 700 Gramm pro Woche für Männer), eine jährliche Einsparung von rund 22 Millionen CO2-Äquivalente erfolgen würde.

Auch wenn dieses Gutachten von dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft selbst in Auftrag gegeben worden ist, zeigt der zuständige Bundesminister Christian Schmidt keine klare Linie darin, den in Deutschland über den Empfehlungen der DGE liegenden Fleischkonsum als wichtigen CO2-erzeugenden Landwirtschaftsteil anzusehen und in der Reduzierung des Fleischkonsums einen bedeutenden Einfluss auf das Erreichen der Ziele des Pariser Klimavertrags zuzuschreiben.

Christian Schmidt bedient sich einer bekannten und politisch häufig genutzten Floskel. So sagt er im Interview mit der Zeit: „[…], dass sich die Menschen beim Essen nichts vorschreiben lassen wollen. Das mag manchen Parteien oder Gruppen nicht gefallen, aber das ist nun mal so.“ Der Bürger soll seine Mündigkeit im Falle der Ernährung nicht verlieren. Wohl bemerkt, dass diese Mündigkeit niemals bestand. Und vielmehr es einer konstruktiven Auseinandersetzung damit geben muss, ob weiterhin die Lebensmittelindustrie Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung nahezu ohne regulierende Maßnahmen auf Jahrzehnte hinaus beeinflussen darf oder die Bürger re-entmündigt werden, indem der Staat durch den Einsatz wissenschaftlicher Kompetenz die Ernährungsbildung der Bürger strukturiert fördert, dadurch auch aktiv eine Rolle in der alltäglichen Ernährung am Speisetisch einnimmt.

Auch wenn Schmidt die Ambitionen unterstreicht, „[…], Ernährungs- und Verbraucherbildung wieder zurück in die Schulen zu bringen, am besten als eigenes Schulfach.“ So zeigt er sich nicht versucht zu verstehen, dass eben dies der erste und glänzende Schritt ist. Der durchschnittliche Bundesbürger pflegt nicht nur einen Fleischkonsum der moralisch äußerst bedenklich ist, auch fördert der immense Fleischverzehr in der nördlichen Hemisphäre gravierende Umweltkatastrophen des Anthropozäns. In diesem Sinne klage ich den von meinen Mitmenschen irrsinnigen Verzehr tierischer Produkte als groben Missbrauch an der Natur an. Nicht weniger. Wer mit Gier und ohne Unterlass das Fleisch in sich hineinstopft, der sollte sich seiner schändlichen Taten bewusst sein.

„Mein Ziel für die nächste Legislaturperiode ist es, dass Schulverpflegung mehrwertsteuerfrei wird.“

– Christian Schmidt

(Anm. (narunge): Ihr Ziel für die nächste Legislaturperiode sollte sein, dass Ernährungsbildung Schulfach wird. Zeigen Sie Durchsetzungsvermögen in der Debatte mit den Kultusministerien.)

In diesem Sinne halte ich es für falsch, dass Bundesminister Christian Schmidt es für nötig erachtet zu erwähnen: „Schweinefleisch ist ein Teil unserer Ernährungstradition.“ Sicherlich, für wahr. Schweinefleisch gab uns zu früheren Zeiten „Kraft“ und Protein. Aber wollen wir als Gesellschaft noch eine Tradition pflegen, die dahingehend ausgeufert ist, dass die Bundesrepublik jährlich fast 30 Millionen Schweine hält, schlachtet und verarbeitet? Und hier sprechen wir nur von den Schweinen. Dazu kommen noch Millionen Hühner, Rinder und weiteren domestizierte Gattungen. Alles als eine Reserve für den Hunger nach Fleisch für Zwischendurch? So war das alles nicht gedacht. Und so entspricht es auch nicht unserer wahren Tradition. Schon in frühen Zeiten warnte man davon, sich zu gierig von den Gaben der Natur zu nähren. Und ganz in speziellem betraf dies schon immer den Fleischverzehr. Man spricht noch heute davon, dass das Töten eines Tieres ein Akt ist, bei dem der Mensch sich mit dem allergrößten Respekt gegenüber dem Wesen des Tieres zu nähern hat. Aber solche Worte finden wohl keinen Weg durch die Mauern CSU zementierter Ministerien.

Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft teilt den zu Beginn genannten Vorschlag des Umweltbundesamtes nicht, wenn es darum geht, die Verzehrgewohnheiten der Bundesbürger durch fiskalische Maßnahmen zu steuern. Auf die Frage von Journalisten der Zeit: „Das Umweltbundesamt will, dass klimaschädliches Fleisch mit einer höheren Mehrwertsteuer belegt wird als klimafreundliches Gemüse. Wie finden Sie das?“; Antwortet der Bundesminister Christian Schmidt: „Wenn man beginnt, die Höhe der Mehrwertsteuer nach „gutem“ oder „schlechtem“ Essen festzulegen, wird das ein interessanter Katalog. Verbraucherinformation und Ernährungsbildung sind für mich die Grundlagen für eine informierte Kaufentscheidung. Künstliche Preiserhöhungen durch eine Steuererhöhung – in die Staatskasse – nützen weder der Umwelt noch den Verbrauchern.“ Es ist löblich, dass der Bundesminister erkennend davon spricht, dass Verbraucherinformation und Ernährungsbildung grundlegend für eine sinnvolle Kaufentscheidung sind. Doch sollte an dieser Stelle mit ehrlichem und ernstem Blick auch erkannt werden, dass eine korrekte Verbraucherinformation nicht im Sinne der Lebensmittelindustrie – gerade im Bezug zu Convenience-Produkten – ist und zudem, wie der Minister selbst sagt, eine Ernährungsbildung (noch) gar nicht stattfindet. Tatsächlich weiß der durchschnittlich verständige Bundesbürger wohl ein tieferes Fachwissen zu dem zu präsentieren, womit er sein Fahrzeug zu speisen zu pflegt. Doch in weit geringem Maße ist ihm die Wirkungsweise seiner eigenen Energiequelle bekannt, der menschlichen Ernährung.

Wichtig für die Zukunft wird es sein, dass wir glaubwürdige Tierlabels etablieren. Dies ist weniger eine Kostenfrage als eine Glaubensfrage. Bisher sind tierische Produkte aus „fairer“ Erzeugung im Supermarkt noch doppelt oder dreifach so teuer, wie die entsprechenden konventionellen Erzeugnisse. Diese große Preisspanne ist nicht einzig auf die hohen Kosten zurückzuführen, die durch fachlich hohe Standards zum Tierwohl in den landwirtschaftlichen Betrieben entstehen. Nur etwa ein Viertel des Ladenpreises für tierische Produkte geht auf den Wertschöpfungsanteil der Landwirtschaft zurück. Bei hier geschätzten 13 bis 23 Mehrkosten sollte eine Erhöhung der Verbraucherpreise demnach nur mit drei bis sechs Prozent ausfallen. Ein höherer Anteil der Wertschöpfung fließt jedoch zu dem Schlachtern und den Händlern, so entsteht der preislich enorme Unterschied zwischen den zwei Kategorien. Die Debatte über unseren Fleischkonsum  sollte nicht ohne uns Verbraucher geführt werden. Denn wie der oben genannte Fall zeigt, können wir durch gezielte und überlegte Verbraucherentscheidungen eine Tierhaltung unterstützen, die sich dem Tierwohl verschreibt. In der Entwicklung des Menschen hat sich schon früh eine agrarkulturelle Form der Nutztierhaltung entwickelt, bei der die Beziehung zwischen Mensch und den von ihm gehaltenen Nutztieren von einer besonderen Form des Respekts, einer Achtung vor dem Tier, geprägt ist. Einen vollkommenen Verzicht auf Tierhaltung wird es auch in ferner Zukunft wohl nicht geben, doch abgesehen davon Bedarf es schon heute ein tiefergreifendes Gefühl der Verantwortung bei uns Menschen. So möchte ich mich den Worten von Harald Grethe anschließen, der sagt: „Auf jeden Fall brauchen wir in der Debatte mehr weibliche Werte wie Mitgefühl und Dialogbereitschaft!“

 

Autor: narunge

Aufgewachsen im trostlosen, grauen Berlin-Wedding. Sehnsucht nach Schönheit und Reinheit der Natur. Was unsere Nahrung im Innersten zusammenhält. Vielfalt der pflanzlichen Heilmittel. Welcher Geist durchströmt die Pflanzenwelt. O König der Kephallenier!

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