Citi(not_so)zen

Ich komme nicht umhin, mich mit Vehemenz dafür auszusprechen, dass sich der Mensch dem Schlendern neu verschreiben muss. Schlendern als Attribut des achtsamen Erdenbürgers. So soll es sein. Denn wer schlendert kennt keine Hast und keine Eile und findet Zeit sich umzuschauen. Und zudem treibt er/sie die Welt mit seiner Hast nicht weiter zum Überdrehen. Um dann in einem furiosen Wirbel eines Tages gänzlich aus den Fugen zu geraten.

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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schreibt Goethe an seinen Freund Zelter: „Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.“ Das blitzartige menschliche Treiben war für Goethe veloziferisch. Eine wundervolle Wortbildung und wohl schon in der Antike bekannt. Der sausende Glitzer hat hier keinerlei göttliche Segnung, vielmehr scheint die Hast der tiefsten Finsternis entsprungen. Die Natur dagegen ist für Goethe die letzte große Bastion gegen die Mobilmachung der unaufmerksamen und unachtsamen Rennenden.

Springen wir in unsere heutige Zeit sehen wir ein wahrlich desaströses Bild dieser Welt. Die gesellschaftlichen wie auch die zwischenstaatlichen Spannungen nehmen immer stärker zu. Mitautoren des neuesten Berichts des Club of Rome sagen, dass die letzten 30 Jahre Globalisierung und Wirtschaftswachstum die Welt trotz des enormen Fortschritts zu einem äußerst unfreundlichen Ort haben werden lassen. Die Folgen des stetigen Strebens nach mehr Wachstum, mehr Wohlstand, mehr Bequemlichkeit haben ihre Spuren in unseren Gesellschaften und der Natur hinterlassen. Und auch wenn es bahnbrechend erscheint, dass nun der Club of Rome mit seinem aktuellen Bericht ein maximales Wirtschaftswachstum von schlenderhaften 1% empfiehlt, scheint es mir doch noch ein langer Weg zu sein, bis sich global ein für alle Beteiligten gesunder Nachhaltigkeitsgedanke durchsetzt.

Die massive Übernutzung natürlicher Ressourcen hat sich in das Gesicht dieser Erde gebrannt. Und so sei mein persönlicher Wunsch nicht nur nach einer Abkehr von der gelebten Hast. Ich fordere salva venia ganz deutlich eine Glorifizierung des Schlenderns. Die Wunden, die wir der Natur zugefügt haben, sie werden nur dann vollständig verheilen können, wenn wir uns in einem Exodus aus wichtigen Naturräumen zurückziehen und ihr damit Zeit zum heilen geben. Und gleichzeitig sollten wir der Natur ermöglichen mehr Einfluss auf unsere Kultur zu nehmen. Den Pflanzen, den Tieren, den Flüssen und Wäldern mehr Gehör schenken. In unsere Beziehungen zur Natur mehr Achtsamkeit legen.

Als solider Abnehmer von Lebensmittelerzeugnissen ist der sich selbst versorgende Mensch in einer besonderen Machtposition. Mit unseren Kaufentscheidungen – fleischarm, saisonal, regional, biologisch und fair erzeugt – liegt es in unserem eigenen Einkaufskorb, in welche Richtung sich die Lebensmittelindustrie bewegt. Ob wir eine Lebensmittelindustrie im Stillen akzeptieren, die durch stetige Prozessoptimierung Convenience-Produkte immer billiger und in immer größerer Masse zu erzeugen vermag. Oder, ob wir durch die bewusste Kaufentscheidungen von Massen einen grünen Zweig der Lebensmittelindustrie fördern, der sich einem nachhaltigen Umgang mit der Natur verschrieben fühlt. So liegt es an uns und unserem Einkaufskorb, dass wir durch Hinwendung zu einer nachhaltigen Ernährungsweise diesen Zweig zu einen starken Ast machen.

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„Nachhaltig ist eine Ernährungsweise mit geringen Umweltauswirkungen, die für die heutige und zukünftige Generationen zu Lebensmittelsicherheit- und Ernährungssicherheit und zu einem gesunden Leben beiträgt.“

• (FAO, 2010)

Wenn wir von einer besseren Welt träumen wollen, dann sollten wir uns nicht die Werkzeuge, die uns zu ihrer Gestaltung zur Verfügung stehen, aus der Hand gleiten lassen. Ernährungsempfehlungen sind wenig populär. Und ganz besonders gilt dies für den europäischen Raum. Und doch sollen gerade wir Europäer mehr über Ernährung sprechen. Auch um die gravierenden Auswirkungen unserer Ernährung auf den Planeten Erde uns vor Augen zu führen. Denn speziell stark urbanisierte Gesellschaften sind für einen enormen ökologischen Fußabdruck verantwortlich.

In all der Misere scheint am Horizont aber auch ein Hoffnungsschimmer zu leuchten. Der Nachhaltigkeitsaspekt hat bereits vor 30 Jahren Einzug in die Wirtschaftswissenschaften gefunden. Dagegen blieb solch ein Blickwinkel hinsichtlich der Ernährung lange verwaist. Doch in den letzten Jahren hat erfreulicherweise sich in Europa ein Nährboden für reichhaltige Diskussionen zu dieser Sichtweise entwickelt. Und verschiedene europäische Studien kamen bereits zu dem Schluss, dass die nationalen Ernährungsrichtlinen eine sichere Nährstoffversorgung ermöglichen. Sie weisen in ihrer theoretischen Umsetzung zudem eine gute aber auch verbesserungswürdige Ökobilanz auf. Nur ist das Dilemma, dass die meisten Menschen eine Ernährungsform gewählt haben, die weder als gesundheitsfördernd angesehen werden kann noch ökologisch sinnvoll ist, wenn nicht sogar sich äußerst schädlich für die Natur darstellt. Das Wissen zur Gestaltung einer nachhaltigen Ernährung ist uns bekannt. Nur fehlt es uns selbst an dem nötigen Ernst.

Wie sehen solche Ernährungsempfehlungen aus, die eine gute alimentäre Versorgung gewährleisten und gleichzeitig einen geringen ökologischen Fußabdruck aufweisen? Im Folgenden sollen einige europäische Berichte und ihre Kernaussagen genannt werden:

„Our research found evidence that consuming only fish from sustainable stocks, eating more seasonal food, cutting out bottled water, shopping on foot or over the internet and consuming more wildlife-friendly, organic foods would also contribute towards a more sustainable diet.“

„a less animal-based and more plant-based diet, containing fewer meat and dairy products and more whole grain products, legumes, vegetables, fruit, and plant-derived meat substitutes. This dietary pattern is associated with a lowered risk of cardiovascular disease and also has a smaller ecological Impact.“

„The Double Pyramid Model was developed by the Barilla Center for Food & Nutrition Foundation in 2009. It is composed of the Mediterranean Diet food pyramid and the environmental pyramid. It was created to demonstrate that the food that should be eaten most frequently for people’s wellbeing is also the food which has a lower environmental impact, that is, food whose production uses less of the Planet’s resources in terms of greenhouse gases, water and land surface to regenerate the resources used.“

„MORE Vegetables, fruit and berries, fish and shellfish, nuts and seeds, exercise; SWITCH TO wholegrain, healthy fats, low-fat dairy products; LESS, red and processed meat, salt, sugar, alcohol. […] In truth, most people know perfectly well what they should eat. It’s no secret that vegetables are good for you and sugar isn’t. But knowing and doing are two different things. We’ll give you advice and handy tips here to make it easier for you to adopt successful eating habits that are sustainable for both your health and the environment. So you can find your own way of eating greener, not too much and be active. After all – even tiny steps can make a huge difference!“

„Tun Sie sich etwas Gutes – mit gesunder Ernährung: Legen Sie Wert auf einen ausgewogenen Speiseplan und gute Produkte. Dazu gehören vor allem pflanzliche Lebensmittel, in Maßen tierische Produkte, wenig Fette, Süßigkeiten und Alkohol. Betrachten Sie Fleisch als seltene Delikatesse und achten Sie auf artgerechte Tierhaltung. Produkte aus ökologischer und regionaler Landwirtschaft sowie aus fairer Erzeugung mögen zwar mehr kosten, haben aber eine bessere Qualität, die sich auch bei der Zubereitung und geschmacklich bemerkbar macht. „

Zusammengefasst lässt sich eine nachhaltige Ernährung folgendermaßen beschreiben:

  1. Senkung des Konsums von Fleisch- und Milchprodukten

  2. Senkung des Konsums von Speisen und Getränken mit geringem Nährwert, extrem kohlenhydrat- und/oder fettreich

  3. Senkung der Lebensmittelverschwendung

  4. Essen Sie vielfältiger

  5. Essen Sie Produkte aus ökologischer und fairer Erzeugung

dscn2164_Wir sollten lernen diese Erde nicht in Hast zu durchqueren. Wir sollten sie vielmehr mit vollster Aufmerksamkeit schlendernd durchschreiten. Denn in einem sanften und bedachten Gang öffnen wir unser Bewusstsein für diese Erde, die unser aller Heimat ist und unserer Kinder Heimat sein wird. Mit kaum einem anderen Mittel sind wir in der Lage einen bedeutsamen Einfluss auf diesen Planten zu nehmen als mit der Wahl unserer Ernährungsform. Doch um dieses Bewusstsein für eine nachhaltige Ernährung zu entwickeln ist es nötig unser Zeitgefühl wieder in einem natürlichen Kontext zu begreifen. Uns gewillt von der Dyschronie unserer beschleunigten Welt zu entsagen. Unsere Ernährung ist heute maßgeblich von dem industrialisierten Nahrungsangebot geprägt. Eine Ernährungsform die darauf fußt, dass in unserer heutigen Zeitkrise eine Absolutsetzung der vita activa erfolgt. Und damit einhergehend zu einem Imperativ zur Arbeit, wodurch der Mensch sich selbst zu einem animal laborans degradiert. Wir sind arbeitswütig, stets aktiv in einem schwirrenden Zeitkonstrukt. Führen uns die dafür notwendige Energie mit einem Snack zwischendurch zu, sammeln Kraft aus einer nur noch aufzuwärmenden Mahlzeit nach anstrengendem Arbeitstag. Wir sehen, dass selbst in der Nahrungsaufnahme der über-aktive Mensch kein Verweilen mehr kennt. Der Apfel wird hastig herunter geschlungen, für die Entfaltung des Geschmacks bleibt keine Zeit. Oder frei nach Byung-Chul Han ausgedrückt: Die Zeit hat ihren Duft verloren.

Doch was braucht es, dass die Zeit ihren Duft zurückgewinnt? Wir die Zeit noch mehr als nur schwirrende Punkte in unserem Leben erleben, die wie Perlen aufgeschnürte Sensationen auf unserem Lebensfaden erscheinen? Es ist das Schlendern, die Achtsamkeit, das Vermögen zur Kontemplation. Nach Schopenhauer steht das kontemplative, der Betrachtung geweihte Leben im Gegensatz zu dem angesprochenen aktiven, tätigen Leben. Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ernährung ist es notwendig den vita contemplativa zu revitalisieren. Orientieren wir uns dabei an den einfachen, den tatsächlichen Koordinaten des Lebens. An Dingen die uns das Verweilen erst möglich machen. Nach Heidegger erkennen wir diese ewigen, gültigen Koordinaten in der Erde, „die bauend Tragende, die nährend Fruchtende, hegend Gewässer und Gestein, Gewächs und Getier“; wie auch in dem Himmel, „der Sonnengang, der Mondlauf, der Glanz der Gestirne, die Zeiten des Jahres, Licht und Dämmer des Tages, Dunkel und Helle der Nacht, die Gunst und das Unwirtliche der Wetter, Wolkenzug und blauende Tiefe des Äthers“. Diese Spiegelungen der Dinge, die uns das Verweilen erfahrbar machen sind das Fundament unserer eigenen gesunden Entwicklung. Dass wir uns mit einer nachhaltigen Ernährung stark eines Baumes gleich entwickeln, fest verankert im duftenden Raum der Zeit.



Weiteres:

Ernährungsverhalten der Deutschen (Studie im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) und die Organisation foodwatch)

fressen moral design || ein Projekt von honey & bunny und Beate Koller (Arche Noah) Essen Sie nachhaltig? | Essen Sie brav auf? | Essen Sie politisch?

Autor: narunge

Aufgewachsen im trostlosen, grauen Berlin-Wedding. Sehnsucht nach Schönheit und Reinheit der Natur. Was unsere Nahrung im Innersten zusammenhält. Vielfalt der pflanzlichen Heilmittel. Welcher Geist durchströmt die Pflanzenwelt. O König der Kephallenier!

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